Über Fast-Beziehungen: Du bist der Kratzer auf der Platte

Über Fast-Beziehungen: Du bist der Kratzer auf der Platte

Über Fast-Beziehungen: Du bist der Kratzer auf der Platte

Ich liege in deinen Armen und will nicht loslassen. Gerade hat wieder das angefangen, was du nicht willst,  ich aber viel zu sehr. Ich nehme noch einmal deinen Geruch wahr, drücke dich immer fester an mich, bis ich kaum noch atmen kann und mir Tränen die Wangen herunterrollen. Ich hatte mir geschworen nicht zu weinen, dachte ich kann es schaffen, doch es geht einfach nicht mehr. Ich habe es wieder einmal übertrieben dich zu lieben und konnte meine Gefühle nicht zügeln. Langsam müsste ich mich an diese Szenarien gewöhnt haben, doch ich kann nicht mehr. Ich bin müde.

Du umarmst mich auch, atmest schwer und vergräbst deinen Kopf in meinem Nacken. Deine Hände zittern. Ich kann deine Verwirrung, deinen Zwiespalt spüren. Es ist für dich genauso schwer wie für mich und genau das macht es so unverständlich.

„Du bist nicht der Kratzer auf der Platte“, flüsterst du. „Ich bin es.“

Es stimmt. Nach all den Monaten. Nach all den Verabschiedungen und Wiedersehen ist mir eines bewusst geworden: Der Kratzer bist auch du, nicht nur ich. Du bist der Fehler in meinem System. Du bist dafür verantwortlich, dass ich immer wieder auf Anfang gehe, voller Hoffnungen, voller Lebensfreude und voller Zuversicht, denn alles, was ich möchte ist, dass wir uns gemeinsam weiterdrehen, in dieselbe Richtung, ohne Kratzer, ohne Fehler.

Du willst Alles und Nichts

Doch du, du weißt nicht so genau, was du willst. Du willst Alles und Nichts. Nähe, Liebe und Geborgenheit, aber gleichzeitig auch Abstand, Freiheit und Unverbindlichkeit. Du möchtest keine Bindung und keine Verpflichtungen, aber willst wissen, was ich tue und wie es mir geht. Du willst Konventionen und Rahmen und gleichzeitig willst du ausbrechen, dein eigenes Ding machen, dich niemandem fügen müssen.

Ich möchte Alles und nicht irgendetwas dazwischen

Ich allerdings möchte Alles und nicht irgendetwas dazwischen. Ich möchte Nähe, Liebe, Geborgenheit und Intimität. Ich möchte Konventionen, Rahmen, Bindung und Beständigkeit. Ich möchte wissen, was du tust und wie es dir geht, ohne zehn Mal überlegen zu müssen, ob ich zu anhänglich bin. Ich möchte mich fallen lassen können, mich wohl fühlen können, Ich selbst sein können. Ohne Unsicherheiten, ohne Angst, ohne ständig fürchten zu müssen, dass dir nach einem gemeinsamen Wochenende alles wieder zu viel wird.

Und obwohl ich genau weiß, was ich will und was du nicht willst, dreht sich meine Platte weiter, macht jedes Mal an derselben Stelle einen kurzen Halt. Ein Halt, der mit einer Nachricht von dir beginnt und mit einem gemeinsamen Wochenende, einer gemeinsamen Woche und einer weiteren Trennung endet. Jedes Mal, alle paar Wochen, alle paar Monate.

Und jedes Mal bin ich so verdammt gut vorbereitet, lege die Karten auf den Tisch, sage dir, dass meine Meinung noch dieselbe ist, dass ich es wenigstens versuchen möchte. Denn sich komplett zu verschließen macht unglücklicher als es einfach versucht zu haben. Denn ob man auf potentiellen Schmerz zusteuert oder sich von vornherein etwas oder jemanden verbietet, um Schmerz zu vermeiden, schmerzt doch genauso sehr, wenn nicht mehr. Und jedes Mal sagst du dasselbe, dass du nicht bereit bist, dass du mir nicht das bieten kannst, was ich verdiene, dass dein Leben ein Chaos ist, dass du nicht in der Lage bist jemanden an dich heranzulassen, dass, dass, dass…

Und doch kommst du immer wieder zu mir zurück, suchst den Kontakt, kannst offenbar nicht loslassen, machst mir wieder Hoffnungen, wenn mein gebeuteltes Herz doch gerade erst dabei war wieder zu heilen.

Zwei zerkratzte Platten

Jedes Mal wiederholen wir uns. Jedes Mal realisieren wir, dass wir zwei zerkratzte Platten sind, die sich gleichzeitig drehen, aber in unterschiedliche Richtungen und doch an genau derselben Stelle einen Kratzer haben. Ein Kratzer, der das Potential hätte die Platten in dieselbe Richtung drehen zu lassen, doch wir sind stur. Wir reden uns ein, es sei schlechtes Timing, unsere Leben seien zu unterschiedlich, wir würden streiten und du würdest mir wehtun. Wir reden uns ein, die Umstände passen nicht.

Die Wahrheit ist, dass es funktionieren könnte, wenn wir mehr Zeit füreinander finden, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden unsere Leben so zu ordnen, dass der jeweils andere darin Platz findet. Dass wir uns nicht vollkommen verstellen müssen, sondern endlich wir selbst sein können. Die Wahrheit ist, dass wir uns anstrengen müssten, damit es funktioniert. Und genau das möchtest du nicht. Du möchtest Bequemlichkeit, Unverbindlichkeit, keinen Rahmen, keine Bindung und keine Konventionen. Du möchtest Nähe, aber ja nicht zu viel. Liebe, aber nicht zu erdrückend.

Ich bin müde

Ich allerdings möchte Alles und nicht irgendetwas dazwischen. Ich möchte Nähe, Liebe, Geborgenheit und Intimität. Ich möchte Konventionen, Rahmen, Bindung und Beständigkeit. Ich kann mich aber nicht noch ein weiteres Mal wiederholen. Ich bin müde.

So liege ich wieder einmal da, in deinen Armen und will unter keinen Umständen loslassen. Gerade hat wieder das angefangen, was du nicht willst, ich aber viel zu sehr. Ich nehme noch ein letztes Mal deinen Geruch wahr, drücke dich immer fester an mich, bis ich kaum noch atmen kann und mir Tränen die Wangen herunterrollen. Ich fahre ein letztes Mal mit meinen Fingern durch deine verstrubbelten Haare und rufe mir ein letztes Mal dein spitzbübisches Grinsen ins Gedächtnis.

Ein letztes Mal. Eine letzte, feste Umarmung.

Du umarmst mich auch, atmest schwer und vergräbst deinen Kopf in meinem Nacken. Deine Hände zittern. Es ist für dich genauso schwer wie für mich und genau das macht es so unverständlich.

Hier geht’s zu Teil 1: Über Fast-Beziehungen. Ohne Label. Mit Unsicherheiten.

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8 Comments

  • Marcel
    3 Wochen ago

    Hallo liebe Marcia, ich wünsche Dir gaasaanz viel Glück, damit Du in Deiner Beziehung so glücklich wie möglich sein kannst.
    Die Endom. macht es wohl nicht einfacher.
    Du hast eine schöne Sprache/Metaphern….
    Alles Liebe Dir und LG

    • the ladies.
      3 Wochen ago

      Das freut mich! Danke

  • Tone
    3 Wochen ago

    Das hier zu lesen hat mir gerade sehr geholfen. Dieses Zwischendrin ist mühsam und manchmal weiß ich auch nicht mehr weiter.
    Aber die Erde dreht sich weiter und der Zeiger auf der Uhr geht auch nur in eine Richtung. Dieser Post hat mich inspiriert eine Entscheidung zu treffen, die schon lange fällig war. Danke:)
    Ich wünsche dir auch viel Glück und alles Liebe!

    • the ladies.
      3 Wochen ago

      Das freut mich sehr, dass du Trost und Mut in meinen Worten gefunden hast 💖

  • Miri
    3 Wochen ago

    Schön gesagt. Solche Situation kennen leider viele. Auch ich. Vielleicht hört man das nicht gern, aber das Buch “Er steht einfach nicht auf dich” wäre hier exakt der richtige Input. Lasse dich ernüchtern. Alles Liebe!

    • the ladies.
      3 Wochen ago

      Ja leider 🙁 unsere Generation scheint kaputt zu sein

  • 3 Wochen ago

    Diese Fast-Beziehungen sind einfach die schlimmsten. Und generell ist es schade, dass sich heutzutage fast niemand mehr auf etwas (bzw. jemanden) festlegen will. Ob es nun die Aussicht darauf ist, dass ja was Besseres kommen könnte, oder einfach nur Angst vor Verlusten – es ist echt nicht schön…

    Ich wünsch dir alles Gute!

    Liebe Grüße,
    Claudia

  • Laura
    1 Woche ago

    Liebe Márcia,

    deinen Text zu lesen hat mich wieder in meine frühere Fast-Beziehung katapultiert und ich kann deine beschriebenen Gefühle so gut nachspüren.
    Heute kann ich sagen: Rückblickend weiß ich jetzt, das wahre Liebe nicht kompliziert sein soll – sie ist wunderbar einfach und fühlt sich auch trotz manchen Herausforderungen leicht & und wunderschön an. Das alles habe ich aber erst herausgefunden, als ich wirklich bereit war die alte Liebe loszulassen und mich für etwas wunderbares neues zu öffnen – und das hat enorm viel Kraft gekostet. Genau das wünsche ich dir: Den Mut und die Kraft dich aus dieser Endlosschleife zu befreien, um dich für das frei zu machen, das du dir so sehr wünscht. Denn es gibt genau diesen Menschen, der genau dasselbe will wie du – und dies vor allem mit dir!!
    Alles Liebe sendet dir Laura