Selbstsabotage: Ich denke zu viel

Selbstsabotage: Ich denke zu viel

Du nimmst meine Hand in deine und drückst einmal fest zu. „Wir können das jetzt bei jedem Abschied so machen“, sagst du und stopfst dir ein weiteres Stück Kuchen in den Mund. „Was meinst du?“, frage ich. „Naja, wir gehen jetzt jedes Mal zum Abschied Kuchen essen. Das wird eine Tradition!“, erklärst du mir.

„Nein! Wir dürfen doch keine festen Regeln aufsetzen! Was ist, wenn einer von uns mal keine Zeit für Kuchen hat? Genau so fängt das doch an. Am Anfang bemüht man sich und dann lässt man immer mehr nach und irgendwann hält man den anderen für selbstverständlich und dann geht alles den Bach runter. Warum dann überhaupt erst mit solchen Dingen anfangen?“, denke ich.

„Wieso sagst du so etwas?!“, fragst du entsetzt.

Ich schlage mit beiden Händen auf meinen Mund und reiße meine Augen auf. Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich all dieses Gedankenchaos laut ausgesprochen hatte.

In meinem Kopf prangern die Worte des Horoskops, das die Frau, die vorhin neben mir in der U-Bahn saß gelesen, und auf das ich heimlich geschielt hatte. „Sie sabotieren Ihr Leben, weil sie viel zu weit in die Zukunft denken.“ Okay. Cool! Ich glaube normalerweise nicht an diesen Hokuspokus, aber irgendwie erscheint mir das jetzt sehr passend.

Ich bin jemand, der sehr lange und sehr viel auf einem Thema herumreitet, auf jegliche Aspekte und Sichtweisen herumkaut, mathematische Gleichungen löst, chemische Experimente durchführt – alles im Kopf natürlich – und am Ende atemlos Pro und Kontra-Listen erstellt, um sie dann wieder zu verwerfen, weil mir das Ergebnis nicht gefällt. Ich denke, überdenke und zerdenke. Manchmal aus Angst. Manchmal aus Sorge. Und oft, weil ein Funke wahrer Logik dahintersteckt. Zumindest bilde ich mir das gerne ein.

DENKEN, ÜBERDENKEN, ZERDENKEN

Jetzt gerade sitze ich am Tisch, halte deine Hand, schaue dir unbeteiligt dabei zu, wie du Kuchen in dich hineinstopfst und denke darüber nach, warum ich immer so viel denke. Haha – welch Ironie. Wie oft habe ich mich schon aus Erlebnissen und Momenten hinausgeredet, weil ich annahm, das sei die richtige Entscheidung, statt einfach mal weniger zu denken, zu machen, zu genießen, sich ins Ungewisse zu stürzen und ja- auch mal mit den Konsequenzen, die potentiell daraus folgen könnten, zurechtzukommen. Statt zu planen, darauf loszurennen. Wie oft habe ich mich eigentlich selbst von meinem Glück abgehalten, weil die Kontraspalte in meiner Liste länger war, als die Pro-Seite?

Die Antworten auf diese Fragen lauten: Unendlich oft aus Angst, mangelndem Selbstbewusstsein, Verlust-, Vertrauens- und Kontrollverlustängsten. Denn, wenn man sein Glück zum Teil in die Hände einer anderen Person legt, dann delegiert man Kontrolle. Man macht sich verletzlich. Man zertrümmert die Mauer, die man mühselig um einen herum aufgebaut hat und steht plötzlich nackt und ungeschützt da.

Doch was bleibt einem auch anderes übrig? Sich selbst zu verschließen aus Angst vor potentiellem Schmerz, schmerzt doch genauso sehr, wenn nicht mehr. Also lasse ich wieder mal meine Mauer herunter. Doch dieses Mal ist es anders.

Du drückst meine Hand und schaust mich verwirrt an. „Hör auf so viel zu denken. Vertrau’ mir doch!“, sagst du.

„Okay“, erwidere ich mit einem Lächeln und nehme mir ein Stück von meinem Kuchen.

 

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1 Comment

  • 3 Wochen ago

    Ich verstehe dich so gut, mit dem ewigen Überdenken! Man legt sich da oft selber so viele Steine in den Weg… Leider!