Frauen erzählen, was ihre Essstörung mit ihnen macht… | Teil 2

Frauen erzählen, was ihre Essstörung mit ihnen macht… | Teil 2

Frauen erzählen, was ihre Essstörung mit ihnen macht… | Teil 2

Essstörungen, Essen und das eigene Körperbild sind für mich noch immer sehr negativ besetzte Begriffe. Ich merke heute noch – obwohl ich schon lange gesund bin

Meine Essstörung: Ein Kampf um jeden Bissen

Meine Essstörung:

Ein Kampf um jeden Bissen

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– wie ich in stressigen und unglücklicheren Zeiten in mein früheres Muster verfalle. Wenn der Tag so vollgepackt ist und ich zu essen vergesse, bin ich stolz auf mich – wie verrückt ist das denn? Bis vor Kurzem besaß ich noch immer Kleidungsstücke, an denen ich meinen sich (nicht-)verändernden Körper maß. Nach einem wochenendlangen Heulkrampf habe ich sie in einem Akt der Selbstliebe eiskalt weggegeben und bereue es kein bisschen. Eine Waage besitze ich seit 5 Jahren nicht mehr und jedes Mal, wenn es zu einer Kontrolle geht, stelle ich mich rückwärts hin. Mein Gewicht will ich nicht wissen. Egal wie lächerlich das für mancheinen klingen mag, aber diese Zahl auf der Waage hat mich jahrelang definiert. Von ihr möchte ich mich nicht mehr kontrollieren lassen. Gewisse Ticks von früher – wie mir über das Schlüsselbein zu fahren – werden vermutlich nie weggehen. Aber das ist in Ordnung. Ich lerne damit zu leben und dieser seltsamen Stimme in mir kein Gehör zu schenken. Euch möchte ich jedoch zuhören.

Diese Reihe über Esstörungen hat bei euch sehr viel Anklang gefunden. Unzählige Geschichten haben mich erreicht, die allesamt einen Blogpost sprengen würden. Da ihr schon so viel Mut bewiesen habt, mir von eurem Weg zu erzählen, möchte ich euch nun weiterhin die Platform dafür geben und die restlichen Geschichten, die in Teil I keinen Platz mehr fanden, hier – in einem eigenen Teil – für sich sprechen lassen.

Hier geht es zu Teil I

TRIGGER WARNING

Dieser Beitrag dreht sich um das Thema Essstörung und enthält viele deskriptive Erläuterungen der Krankheit. Solltest du das Gefühl haben, ebenfalls an einem gestörten Essverhalten zu leiden, raten wir dir, die folgenden Geschichten mit Bedacht zu lesen und dich bestenfalls an eine Beratungsstelle oder einen Arzt zu wenden.

ANLAUFSTELLEN

Österreich / Wien:

intakt: Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen: www.intakt.at

sowhat. – Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen (Kassenverträge): www.sowhat.at

Hilfe bei Essstörungen: www.fem.at

Anonyme Hotline bei Essstörungen: www.wig.or.at

Deutschland:

Hilfe bei Essstörungen: www.bundesfachverbandessstoerungen.de

 

Eleonora, 18

Essen. Für normale Menschen etwas Selbstverständliches. Etwas, dem nicht immer viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Sie essen, wann sie Hunger haben, wenn sie Lust auf etwas haben oder wenn ihnen etwas von jemanden angeboten wird. Für mich war Essen lange Zeit ein Feind und ist es zum Teil noch immer.

Es hat damit begonnen, dass ich abnehmen wollte. Als Teenager habe ich Instagram entdeckt und damit all die Fitness-Girls, perfekte Körper und gesunden Lebensstil. Ich wollte auch so sein. Bis dahin war ich ein glückliches Kind gewesen, das viel gegessen hat, aber auch sehr aktiv war. Ich war immer die Sonne der Familie, habe viel gelacht und hatte meinen Spaß. In diesem Jahr hat sich alles auf den Kopf gestellt. Ich habe aufgehört, Kohlenhydrate zu essen und habe neben meinem Tennistraining zusätzlich zuhause trainiert. Natürlich hat sich das rasch auf der Waage gezeigt, ich habe viele Komplimente bekommen und wollte weitermachen und weiter abnehmen. Ich habe mich wertvoll und glücklich gefühlt. Ich habe endlich etwas erreicht, aber es war nie genug. Ich musste immer weiter abnehmen, bis ich eines Tages untergewichtig war und nichts mehr aß. Eigentlich war ich schon zufrieden gewesen und hatte mir gesagt, dass es jetzt endgültig reicht, aber mein Kopf sagte etwas anderes.

Seitdem sind mittlerweile 4 Jahre vergangen. Es hat sich viel verändert. Es gab viele Höhen und Tiefen in meinem Leben, aber die Krankheit bin ich immer noch nicht los. Es steckt viel mehr dahinter, als nur ein Wahn nach abnehmen. Ich habe viel damit beschäftigt, warum ich die Krankheit nicht loslassen kann, aber obwohl ich es immer noch nicht weiß, weiß ich, dass da viele Faktoren mitspielen. Ich esse mittlerweile normal, also für meine Verhältnisse, bin aber sportsüchtig und sobald ich keinen Sport mache, bekomme ich ein schlechtes Gewissen nach dem Essen. Ich denke viel über das Essen nach, es fehlt mir schwer zuzunehmen und mein Leben dreht sich viel um Sport, Ernährung und Kochen. Mittlerweile ist die Krankheit bei mir chronisch geworden und auch wenn ich zunehmen würde und es besser wäre, denke ich, dass ich sie nie endgültig loswerden kann. Es ist ein Teufelskreis, in dem man gefangen ist und ich ziehe meinen Hut vor all denjenigen, die es geschafft haben, da raus zu kommen. Ich hoffe, dass ich es eines Tages auch von mir behaupten kann gesund zu sein und so wie Márcia, Menschen mit demselben Problem helfen kann und sie ermutigen kann, dass sie es auch schaffen. Aber es ist gut zu wissen, dass man nicht alleine ist und dass man Menschen rund um sich hat, die einen unterstützen, die zuhören, wenn man es braucht und die  in schweren Momenten einfach da sind.

Feli, 19

Als ich 17 Jahre alt war, habe ich mich in einem halben Jahr halbiert. Ich kann nicht sagen, warum ich plötzlich dachte, ich müsste dünner werden. Vielleicht ging es auch gar nicht darum, dünner zu werden, sondern darum nichts zu essen. Vielleicht lag es an meinem Leistungssport, den ich zu dem Zeitpunkt bereits seit 8 Jahren betrieb. Oder an meinen Eltern, die immer nur gestritten haben und mir die Schuld an allem gaben. Oder vielleicht auch an meiner damaligen Beziehung, die in so vielerlei Hinsicht ungesund war, wir uns aber einfach nicht voneinander trennen konnten. Ich weiß nicht, was es war, aber vielleicht ist das auch gar nicht wichtig. Ich wollte unsichtbar werden. Und gleichzeitig wollte ich, dass man mich sieht. Sich um mich kümmert. Meine Kindheit war vorbei, als meine Schwester auf die Welt kam und ich sie mit meinen damals 7 Jahren miterziehen musste. Meine Eltern waren immer auf der Arbeit, also blieb der Haushalt und meine Schwester an mir hängen.
Mit 17 war ich dann endlich wieder Kind. Es wurde sich um mich gesorgt, mich behütet. Aber ich verlor auch so vieles. Viele Freunde konnten mit der Situation nicht umgehen und wendeten sich ab. Die Beziehung ging vollends zu Bruche und ich musste meinen Sport aufgeben, weil mein Körper einfach nicht mehr mithalten konnte. Ich musste jede Woche zum Arzt und mich wiegen, denn es hieß “ein Kilo weniger und du musst in die Klinik”. Das wollte ich auf keinen Fall und ließ mir Dinge einfallen, wie ich mich selbst und meine Umstehenden austricksen konnte.
Im Nachhinein bereue ich die ganze verlorene Zeit. Es ging nur noch um Kalorien und Gewicht, mir passte nichts mehr und ich hatte an absolut nichts mehr Freude.
Meine Rettung war mein Auszug von Zuhause. Nach der Schule bin ich zum Studieren weit weg gezogen. Weg von meinen Eltern, meinem Ex-Freund, dieser Stadt. Hier war niemand mehr, der Stolz auf mich war, wenn ich gegessen habe und es hat noch fast ein Jahr gedauert, bis es mir besser ging. Ich kann eine Sache mit Sicherheit sagen: ES WIRD BESSER.
Mit jedem Tag wird es besser. Meine Eltern haben sich mittlerweile getrennt und ich weiß jetzt, dass es nie ein Problem mit mir gab, sondern nur zwischen ihnen. Ich habe einen neuen Freund mit dem ich vor kurzem in unsere erste gemeinsame Wohnung gezogen bin. Ich habe mittlerweile wieder Normalgewicht und erfreue mich an Essen. Denn im Grunde ist Essen etwas so Wunderbares. Es verbindet uns, wenn wir gemeinsam Essen gehen oder gemeinsam kochen. vorallem hat es mir meine Brüste wieder gebracht 😉  Mein Leben ist heute so viel schöner und ich kann es endlich in vollen Zügen genießen.
Denkt daran: Hungern ist keine Kust. Es gibt so viel mehr Dinge, auf die ihr Stolz sein könnt. Ich möchte mich für die Möglichkeit bedanken, meine Geschichte teilen zu dürfen. Es ist wichtig, anderen davon zu erzählen, und zu zeigen, dass niemand mit seinem Leiden alleine ist.

Das Gefühl, das ich am allerfurchtbarsten finde, ist, nicht aus seiner Haut zu können. Manchmal würde ich gerne den Reißverschluss öffnen, aus meinem Körper steigen und meinen Gedanken entfliehen. Aber manchmal sitze ich da und spüre mein gestörtes Essverhalten auf meiner Haut, als hätte es sich wie ein Schleier drauf gelegt. Es sticht mir regelrecht auf der Haut, dass ich mich unwohl fühle, weil ich viel gegessen habe. Ich bin zwar satt, und rational weiß ich ja, dass ich auf mein Hungergefühl gehört habe, und dass ich alles richtig und einen Fortschritt gemacht habe – und trotzdem kann ich dieses Gefühl oft nicht abschütteln.

Christina, 22

Das Gefühl, das ich am allerfurchtbarsten finde, ist, nicht aus seiner Haut zu können. Manchmal würde ich gerne den Reißverschluss öffnen, aus meinem Körper steigen und meinen Gedanken entfliehen. Aber manchmal sitze ich da und spüre mein gestörtes Essverhalten auf meiner Haut, als hätte es sich wie ein Schleier drauf gelegt. Es sticht mir regelrecht auf der Haut, dass ich mich unwohl fühle, weil ich viel gegessen habe. Ich bin zwar satt, und rational weiß ich ja, dass ich auf mein Hungergefühl gehört habe, und dass ich alles richtig und einen Fortschritt gemacht habe – und trotzdem kann ich dieses Gefühl oft nicht abschütteln.

Es hat eigentlich alles damit begonnen, als ich meinen Freund kennengelernt habe. Ich war damals erst 18, und das war meine erste Beziehung. Wir waren viel unterwegs, sind viel Essen gegangen und haben das Frisch-Verliebtsein genossen. Irgendwann waren wir dann mal abends mit Freunden unterwegs, und ich bin auf die Toilette gegangen und mir ist plötzlich im Spiegel aufgefallen, dass meine Beine irgendwie breiter waren, und dass die Hose ein bisschen enger am Bauch saß als sonst. Ich hab mir selbst dann gesagt: “So, jetzt reicht’s mit der Esserei, jetzt nimmst du wieder ab”. So begann es! Ich kontrollierte mein Essen sehr stark. Ich hatte feste Zeiten, wann ich etwas esse. Wenn ich vor 6 Uhr hungrig war, hab ich nichts gegessen, sondern immer um Punkt 6 gegessen. So konnte ich kontrollieren, wann ich wieviel esse. Ich aß immer weniger. Oft hatte ich noch Hunger, aber ich hab mir einfach nichts mehr erlaubt, und bin dann am nächsten Tag in der Früh mit einem riesigen Hunger aufgewacht – ich dachte, das muss so sein. Gleichzeitig hab ich auch begonnen, viel Sport zu machen. Wenn ich einmal einen Tag keinen Sport gemacht habe, habe ich mir nichts erlaubt, und wenn ich dann Blödsinn gegessen habe (da stellt sich mir heute die Frage, wie kann essen Blödsinn sein?), habe ich das am nächsten Tag mit viel Sport wieder wettgemacht. So ging das fast zwei Jahre lang. Im September 2016 bin ich dann nach Schottland für ein Auslandssemester gegangen, und mir hat es wahnsinnig Angst gemacht, weil ich nicht wusste, was ich dort zu essen bekommen würde. Im Endeffekt kam diese Zeit aber genau richtig, weil mir die Gruppendynamik meiner Freundinnen dort geholfen hat, nicht aufs Geld zu schauen, oder darauf, was wir essen, sondern Erinnerungen zu schaffen, denn sowas würden wir nie wieder erleben können. Ich bin zwar dank des Auslandssemesters entspannter geworden, aber es gab danach noch immer Tage, an denen ich abends nichts aß, weil ich der Meinung war, über den Tag verteilt schon zu viel gegessen zu haben. Oder wenn ich mit Freundinnen Eis essen war, bin ich extra zu Fuß gegangen, statt die Straßenbahn zu nehmen.

Obwohl ich noch immer hin und wieder in alte Muster verfalle, habe ich hab das Gefühl, dass es langsam bergauf geht. Ich lerne gerade, auf meinen Hunger zu hören, und dass ich nicht nur zu festen Zeiten essen darf. Gerade jetzt sitze ich voll gegessen am Schreibtisch, ich fühle mich richtig satt (ein Gefühl, dass ich auch die letzten Jahre oft mit Versagen verbunden habe) und ich fühle mich sehr gut damit. Aber ich weiß auch, dass es noch ein langer Weg ist, bis ich sagen kann, dass ich wieder ein normales Essverhalten entwickelt habe.

Veronika, 20

Ich habe in den letzten 2 Jahren eine Essstörung entwickelt. Anfangs wollte ich einfach nur gesünder leben und mehr Sport machen. Ich habe mir immer mehr Lebensmittel verboten und eingeredet, dass sie nur mich dick machen würden. Daraufhin entwickelte ich eine Sportsucht. Ich habe mich jeden Tag mit Sport abgequält und mich dazu gezwungen. Regeln waren alles für mich! Ich durfte nicht gegen die Regeln verstoßen! Letzten Sommer war ich eine Zeit lang in Italien und habe weder Sport gemacht noch auf meine Ernährung geachtet. Dazu kam dass sich mein Körper in diesem Sommer von selbst sehr verändert hat. Ich wurde weiblicher und bekam Kurven. Hier und da sind ein paar Fettpölsterchen dazu gekommen. Als wir heimkamen, war ich deprimiert. Noch nie habe ich mich so unsicher und schlecht gefühlt. Ich habe Pläne gemacht, wie ich wieder so werde, wie vor dem Sommer. An manchen Tagen ist alles gut und niemand würde merken, dass es mir schlecht geht. Kein Hindernis ist zu groß, alles ist möglich. Schwäche zeigen? Tut man einfach nicht. Ich schaffe alles. Und dann? Dann gibt es diese miesen Tage, wo nichts klappen will und ich an mir selbst verzweifle und mich selbst zerfleische. Dann klappt gar nichts mehr. Nachdem ich mich psychisch fertig habe, schaffe ich für den Tag gar nichts mehr. Mein Körper ist so ausgelaugt und schwach, dass er nur noch schlafen will und meine Psyche braucht Ruhe, weil sie einfach nicht mehr imstande ist mit irgendeiner Emotion oder einen Menschen umzugehen. Am meisten tut mir mein Partner Leid, denn am Ende des Tages bleibt immer ein Gedanke: will er mit so jemanden wie mir wirklich zusammen sein? Jetzt habe ich mich dazu entschlossen auf Konfrontationskurs zu gehen und mich mit allen Emotionen, die diese Krankheit versucht zu unterdrücken, zu befassen. Ich will wissen, was mich triggert, um dementsprechend reagieren zu können. Manchmal merke ich, wie ich ein bestimmtes Bedürfnis habe, es aber nicht artikulieren kann und wenn das passiert, dann versuche ich meinem Gegenüber zu signalisieren, dass ich eine kurze Pause brauche, um mich zu fangen. Auch wenn es mir mittlerweile viel besser geht und ich achtsamer lebe, ist es jedes Mal ein Kampf, sich nicht von seinen Emotionen überwältigen zu lassen. Auch wenn es schwer ist, zu sehen, wie es mir von Tag zu Tag besser geht, motiviert es mich weiterzukämpfen. Denn jeder verdient es glücklich zu sein.

 

Teil 1: “Frauen erzählen, was ihre Essstörung mit ihnen macht”

Wenn du oder jemand, den du kennst ein gestörtes Essverhalten ha(s)t oder gar eine Essstörung, dann kannst du dir jederzeit – gerne auch anonym – dir Hilfe bei folgenden Anlaufstellen holen. Es ist immer jemand für dich da, egal, ob Anruf, E-Mail oder persönlich….

ANLAUFSTELLEN

Österreich / Wien:

intakt: Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen: www.intakt.at

sowhat. – Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen: www.sowhat.at

Hilfe bei Essstörungen: www.fem.at

Anonyme Hotline bei Essstörungen: www.wig.or.at

Deutschland:

Hilfe bei Essstörungen: www.bundesfachverbandessstoerungen.de

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