Ent-täuschung | Inspiriert statt inskribiert

Ent-täuschung | Inspiriert statt inskribiert

Meine abgrundorientiert-steile Unikarriere nahm kürzlich ein jähes Ende, just in dem Moment, als ein kommentarloser Erlagschein in meinem Briefkasterl lag. Kurzerhand entschloss ich mich, diese Investition nicht zu tätigen, lohnt sich ja doch nicht, war mir klar, und so kommt es also, dass ich nun das erste Mal seit Jahren (auch offiziell) kein Student mehr bin …

Und das hat einen verstaubten Stein ins Rollen gebracht und irgendwie irgendwas verändert. Nicht im Alltag, die Uni ist ohnehin mehr nebenbei gelaufen und unterwegs streckenweise überhaupt verloren gegangen, aber in mir drin. Ich fand mich nämlich plötzlich in einem Zustand wieder, der völlig neu für mich war und ist – Bildung ist nicht länger etwas, wofür ein Mensch an einer Tafel stehend bezahlt wird, um es mir anzutun, sondern etwas, das völlig und ganz in meiner Verantwortung liegt, ganz alleine in meinen Händen. Bäm. Diese Erkenntnis saß und die zweite, die damit einherging erst recht – dass es eigentlich eh nie anders war, dieses Detail hatte ich bisher einfach nur übersehen.

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Wenn ich ehrlich zu mir bin, ging es mir in den vielen Jahren Schulbankdrücken immer nur um eines – die Noten. Von einem Einser lernte ich mich zum nächsten anerkennenden Lob hoch und fand darin die größte Bestätigung. Das war mir damals natürlich nicht bewusst, ganz im Gegenteil, hielt ich mich für ziemlich schlau und doch auch recht gebildet, immerhin war es ja harte Arbeit, Stoff möglichst effizient auswendig zu lernen, mit dem man sich weder recht befasst, noch den man in Folge dessen je richtig verstanden hätte, und mir eben das einzugestehen, hätte die schöne Befriedigung darüber, etwas Sinnvolles, Wichtiges zu tun und darin sehr gut zu sein, zu Nichte gemacht.

Wenn ich jetzt so dasitze und darüber nachdenke, möchte ich lachen und kotzen zu gleich – nicht wirklich, stell ich mir ziemlich grindig vor – ersteres darüber, dass ich mir jetzt, das erste Mal darüber Gedanken mache, was mich eigentlich interessiert, wovon ich mehr wissen möchte, womit ich mich befassen mag und zweiteres darüber, dass ich mir erst jetzt das erste Mal darüber Gedanken mache. Wie traurig ist das denn eigentlich. Ganz klar – ich habe bestimmt viel aus der Schulzeit mitgenommen, sicherlich mehr, als mir jetzt im Nachhinein bewusst ist, auch Zwischenmenschlich, auch Intellektuell, ich war ja auch immer sehr gern in der Schule, aber die Tatsache, dass ich mich fühle wie ein kleines Kind im Spielzeugladen, wenn ich darüber nachdenke, was ich als nächstes erfahren mag und das ich mir die Zeit – so viel Zeit wie ich möchte! – dafür nehmen kann, spricht irgendwie Bände. Und ja eh, ist das meine Schuld und logisch, hätte man sich das auch schon problemlos in der Unterstufe fragen können – muss man aber nicht und war, soweit ich mich erinnern kann, auch nie gefragt. Womit man sich beschäftigen soll, bekommt man am Silbertablett serviert, ob man es inhaltlich versteht, oder versteht wieso und ob es für einen selbst Relevanz hat, spielt keine Rolle, solange man nur die Prüfung meistert, dann ist man nämlich superschlau und wenn man’s oft genug macht auch irgendwann gebildet und noch superschlauer und das dann auch hochoffiziell.

Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, wie es war, endlich Student zu sein, mit allem gewappnet, was man dazu braucht, gut durch ein Studium zu kommen – in erster Linie viel aufgeblasenem Selbstbewusstsein, Stolz und Neugier – und dann kam die erste Vorlesung, bei der ich kein Wort von dem Verstanden habe, was der da vorne labert und dann die erste Erkenntnis, dass meine Meinung zu etwas nicht nur keinen Raum hat, diskutiert oder auch nur ausgedrückt zu werden, sondern auch dazu führt, schlechter benotet zu werden, weil sie nicht mit dem nicht-begründeten Konsens innerhalb der Uni harmoniert und dann eigentlich nur noch eine große Blase Enttäuschung, die mich in sich gefangen hielt, darüber, dass nichts so ist wie ich es mir erwartet habe, nicht die Uni und im wesentlichen auch nicht ich.

Ich habe in meiner Studentenlaufbahn mehr Gespräche darüber geführt, wie schwer es ist in Kurse hinein zu kommen, als inhaltliche Diskussionen, wir haben mehr darüber nachgedacht, wie viele ECTS man in welcher Zeit machen muss, um rechtzeitig fertig zu werden und Beihilfen nicht zu verlieren, als darüber, welches Buch zu welchem Thema man unbedingt lesen mag, haben Altfragen auswendig gelernt, anstatt uns in die Materie zu stürzen. Aus den Einsern sind schwache Vierer geworden, aus anerkennenden Worten eine Handvoll ECTS und ich bin der selbe Trottel geblieben, der ich schon vor fünf Jahren war und obwohl ich viel Neues kennenlernen durfte und mir viel Spannendes eröffnet wurde, bin ich irgendwie nicht Mal ansatzweise so weit gekommen, wie ich es mir gewünscht hatte.

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Aber dann kam ja, wie oben erwähnt, diese Entscheidung in Form eines Erlagscheines zu mir geflattert und ja, sowieso, überall ist Platz um nährstoffhaltigen Boden im Wachstumsprozess seiner persönlichen, geistigen Entwicklung anzusiedeln und zu finden, sogar in der Uni, aber für mich war der Schritt aus unserem Bildungssystem auszuscheiden, mit unter das Bereicherndste und Anregendste, was ich in den letzten Jahren hinsichtlich meiner Weiterbildung getan habe. Ich musste mich nämlich endlich und viel zu spät von dieser trügerischen Befriedigung verabschieden, die mich nach jeder bestandenen Prüfung überkam, darüber, etwas Sinnvolles getan zu haben, dabei bin ich eigentlich nur meinem Abschluss näher gekommen, aber nicht jenem zugrundeliegenden Bedürfnis, etwas zu begreifen, zu lernen und daran zu wachsen. Und ich glaube, das ist der Punkt. Es ist in Ordnung, guten Noten nach zu jagen, Altfragen auswendig zu lernen und in möglichst wenig Zeit möglichst viele ECTS anzusammeln, mein Problem war nur, dass die Gründe, warum ich studierte mit der Art und Weise wie ich es tat nicht zusammen gepasst haben. Ich wollte keinen Titel und keine erhöhten/ erweiterten Berufsaussichten, ich wollte mich für etwas Begeistern, wollte Anregung, Austausch und diese Momente, in denen einem so spürbar der Horizont erweitert wird, dieses geile Gefühl, wenn man dasitzt und denkt – „fuck, so hab ich das noch nie betrachtet!“ und „verdammt, darüber hab ich noch nie nachgedacht!“. Und dafür brauche ich als geschädigtes Einserkind jetzt vor allem eines – keinen Leistungsdruck, keine Noten und keine Täuschungen mehr, sondern einfach ein wenig Freiheit und ein bisschen Zeit um zu lernen, um ein Student zu werden und damit nie mehr wieder aufzuhören.

 

 

 

 

Ein Artikel von Hanna O.

Bilder © Hanna O.

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1 Comment

  • Henry
    5 Jahren ago

    Ich habe mein Studium ganz anders wahrgenommen. Wegen BAFöG musste ich das Studium auch in Regelstudienzeit beenden. Das ist aber auch das einzige was ich ein wenig bereuhe. Ich hätte gerne noch ein paar weitere Kurse belegt. Nicht wegen den Punkten oder besseren Noten, sondern um mehr zu lernen, VA über die Themengebiete, die weiterführender und tiefer sind.
    Es gab natürlich auch Teile des Studiums die mir nicht gefallen haben. Aber was erwartet man vom Leben? Dass man immer und Überfall nur das bekommt was man möchte? So ist es nicht und wird es nie sein und deswegen geht man den Kompromiss ein. Dann lasse ich eben ein – in meinen Augen – sinnloses Laborpraktikum über mich ergehen, um das was mich am Rest des Studiums interessiert machen zu können.
    Du willst eine Ausbildung ohne Leistungsdruck und Noten, dann erkläre die Noten für dich einfach als unwichtig. Entscheide für dich was du von dem angebotenen Stoff interessant und lernenswert findest, und wenn du nicht genug interessant findest um zumindest die Prüfung zu bestehen… erst dann solltest du tatsächlich aufhören. Zumindest mit dem Studiengang.