Über Fast-Beziehungen. Ohne Label. Mit Unsicherheiten

Über Fast-Beziehungen. Ohne Label. Mit Unsicherheiten

Über Fast-Beziehungen. Ohne Label. Mit Unsicherheiten

Da stehen wir. Ich eine Tasse in meinen behandschuhten Händen haltend, den Blick starr nach unten gerichtet, leise, in Gedanken versunken. Du schaust auf mich herunter. Irgendwie tue ich dir Leid. Du bist unsicher und redest permanent ohne aufzuhören. Sagst immer wieder die gleichen Sätze, als wärst du eine zerkratzte Platte, die immer wieder auf Anfang geht, in der Hoffnung jetzt endlich weiterspielen zu können, nur um an derselben Stelle zu merken, dass der Kratzer noch da ist und nicht so einfach verschwinden wird.

Der Kratzer bin ich. Ich bin der Fehler in deinem System. Ich bin dafür verantwortlich, dass du immer wieder auf Anfang gehst, obwohl alles was du willst, ist dich weiterdrehen zu können, ohne den Kratzer, ohne Fehler, ohne mich.

Eine Fast-Beziehung ist wie im Kreis gehen. Sie ist immer unsicher und schüchtern. Sie ist aber auch eine Achterbahn aus Adrenalin und Schmetterlingen. Eine Fast-Beziehung ist so leidenschaftlich, wie unheimlich und am Ende lässt sie uns wie verwundete Soldaten auf dem Schlachtfeld zurück.

Das Ding mit Fast-Beziehungen ist, dass man nie weiß, dass sie ein „Fast“ oder „Vielleicht“ werden. Man geht all-in, wie beim Pokern, in der Hoffnung, dass der andere nicht blufft. Wir wollen mehr und erwarten mehr und deshalb gehen wir voller Eifer, Neugierde und Vertrauen in etwas hinein, das vermutlich nie mehr als ein „Fast“ oder „Vielleicht“ sein würde, ein Kratzer auf der Platte und ein Fehler im System.

Nur leider diskriminiert Herzschmerz nicht. Er fragt nicht nach, wie lang man zusammen war, denn dann wäre die Antwort: „Gar nicht!“ Und somit würde uns all dieser Kummer erspart bleiben. Stattdessen interessiert sich Herzschmerz nicht für Etiketten, mit denen wir uns gerne versehen, mit denen wir gerne unser Leben und unseren Alltag ordnen, sowie auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Liebeskummer wird sich nicht weniger real anfühlen, nur weil man seine Beziehung zueinander nie offiziell betitelt und etikettiert hat.

Manchmal da ist man eben in einer Beziehung und manchmal nicht. Man ist Single oder vergeben. Aber manchmal gibt man emotional so viel von sich, investiert in Etwas, wovon man glaubt, es könnte eine Zukunft haben, vertraut sich jemandem an, nur um dann geschlagen festzustellen, dass man vollkommen verunsichert ist. Dass man die Bestätigung des anderen braucht, um sich fallen lassen zu können. Aber genau dann, wird man von der kalten Realität erschlagen und realisiert, dass dieses Ding, in das man emotional so tief verwickelt ist, nichts weiter als eine Sackgasse ist. Also wird man auf die grausamste Art gezwungen, den Rückwärtsgang einzulegen und umzudrehen, um sein Leben weiterzuleben, als wären die letzten Monaten nie passiert.

Plötzlich wird von einem verlangt sich zusammenzureißen, seine Gefühle in den Griff zu bekommen und zu funktionieren. Man sei nie zusammen gewesen, als habe man keinen Grund sich so schlecht zu fühlen. Doch alles, was man will, ist schreien, weinen und im Bett liege bleiben, die letzten Gespräche Revue passieren lassen, sein eigenes Verhalten analysieren und Zeichen deuten. Aber all das bringt nichts, denn all diese Dinge ändern nichts an der Tatsache, dass das Ding, in das man Zeit und Muße gesteckt hat, nichts weiter war als ein Kratzer auf einer Platte und ein Fehler im System.

Du umarmst mich, willst mich trösten. Doch ich stehe einfach nur da, blicke starr auf meine Tasse. Mein Kopf berührt deine Brust und du drückst mich fester an dich, während ich einfach nur weiter meine Tasse umklammere und mich nicht bewege, mich klein mache. Ich fühle die schlimmste Art der Einsamkeit. Ich fühle mich einsam, ohne richtig einsam zu sein. Schließlich sind deine Arme um mich und dein Kinn auf meinem Kopf, aber gleichzeitig bist du so weit weg. Zum ersten Mal schaue ich auf, sehe dir tief in die Augen, winde mich aus deinen Armen, kippe mein Getränk in die Ecke und gehe.

Die Platte überspringt den Kratzer und dreht sich weiter. So als wäre er nie da gewesen.

Woher

Hose – Zara
Bluse – Zara
Schuhe – Vans
Kette – Zoeca Jewlrey
Ohrringe – Mama
Ring – Pandora

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11 Comments

  • 2 Jahren ago

    So ein schön formulierter Text und so viel wahres! Kann ich gut nachfühlen!

    • Marcia
      2 Jahren ago

      dankeschön, liebe Thea! <3

  • 2 Jahren ago

    Ich weiß gerade gar nicht, wie ich anfangen soll. Und das ist bei mir wirklich selten.
    Liebe Marcia, ich bin so berührt von deiner Offenheit, von deinen Worten und all den Gefühlen, die sie
    mir geben. Und ich kann nur Danke sagen: Für so viele wunderschöne und traurige Sätze.
    Die weder geheuchelt, noch verbogen oder irgendwie gekünstelt wirken.
    Sie sind echt und wundervoll.

    Wishes, Kat

    • Marcia
      2 Jahren ago

      Oh WOW! Dankeschön so so sehr für deine ehrlichen Worte, das bedeutet mir unheimlich viel! <3

  • Katarina
    2 Jahren ago

    Liebe Márcia,

    das sind wirklich ganz wundervolle Worte, die wohl das beschreiben, was jeder schon einmal in einer Art und Weise erlebt hat. Es tut wirklich gut zu wissen, dass man damit nicht alleine ist und du hast es geschafft es auf ganz wunderbare Weise zu “Papier” zu bringen!! Danke dafür!

    liebe Grüße
    Kati

  • Martina
    2 Jahren ago

    Dieser Text geht mir wirklich sehr nahe. Du beschreibst ein Gefühl und eine Situation, die ich nur allzugut kenne, so wunderschön detailliert und triffst genau ins Schwarze. Ich hätte es nicht besser in Worte fassen können, wie man sich fühlt, wenn man merkt, dass alles, was man gegeben hat, nicht ausreicht. Wenn man nichts weiter tun kann, als zu akzeptieren, dass das, was man sich wünscht, nicht passieren wird. Wenn man schreien will und das Gefühl hat, innerlich zu explodieren, aber stattdessen nur apathisch dasitzt und ratlos ist, wie man sein Leben wieder auf die Reihe kriegt. Du schreibst toll und weißt genau, wie du Menschen berühren kannst. Das ist ein wunderschönes Talent, wirklich!

  • Raffaela
    2 Jahren ago

    Liebe Marcia,
    Jede Silbe, jedes unausgesprochene, unausgeschriebene Wort, jeden Moment, jede Empfindung hinter deinen Worten kann ich dir nachfühlen, dein Artikel findet mich in genau dieser Situation wieder. Ich verstehe dich, ich fühle mit dir und wie du gerade…Schau auf dich, halte deinen Kopf hoch, ich will nicht aufhören, daran zu glauben, dass es alles einen Sinn hat, so wie es geschieht….

    Aus tiefstem Herzen alles Liebe dir,
    Raffaela

  • 2 Jahren ago

    Liebe Marcia,
    du hast mich zum weinen gebracht. Ich kann diese Situation so gut nachvollziehen. Auch ein “vielleicht”, ein “fast” kann unheimlich schmerzhaft sein umd viele verstehen es leider nicht. Daher finde ich es so schön, dass du diesen Beitrag, deine Emotionen & Gefühle mit uns teilst, uns zeigst: Wir sind nicht alleine.
    Danke ♥

  • Lena
    2 Jahren ago

    Ich liebe ja jeden deiner Beiträge aber dieser ist einfach nur wunderschön pur und verletzlich und stark zugleich!
    Mach weiter so und zum Leben gehört es einfach mal der Kratzer auf der Platte zu sein und der Fehler im System, daran ist absolut nichts falsch und jeder darf sich dabei so fühlen wie er es möchte. Und irgendwie lernt man doch auch drauß oder? Aber verliere ja nie den Mut werde nicht ängstlich und vielleicht musst du noch oft der Kratzer in der Platte sein und das Fehler im System bis du das Lieblings-Album und DAS System wirst!

    Alles Liebe
    Lena

  • Vivian
    1 Jahr ago

    Ich möchte dir danken, für diesen wunderschönen Artikel! Mir geht es im Moment genauso und es ist schön zu wissen dass man nicht alleine ist damit. Ich würde mich sehr über eine Fortsetzung freuen! Alles liebe!

  • Ellen
    2 Wochen ago

    Als ich deine Zeilen gelesen habe, dachte ich kurz es seien meine Gedanken zu einen Teil meiner Vergabgenheit. Eine Situation meines Lebens, die gerade wieder auf Anfang gestellt wird und durch meinem Kopf saust, wie der Wind durch die Blätter. Ich konnte das, was da passiert war nie so richtig verstehen. Bis jetzt. Ich war wohl der Kratzer auf der Platte.
    Danke für deine OFFENHEIT, die mich mein Leben besser verstehen lässt.